Vertrautheit bei Demenz: Orientierung durch Rituale
Warum vertraute Gerüche, Musik und Rituale bei Demenz Türen öffnen: Sie schaffen Sicherheit, Orientierung und emotionale Nähe, wenn Worte nicht mehr erreichen.
VERTRAUTHEIT & ERINNERUNG
KraftWald
12/10/20256 min lesen


Vertraute Momente schenken – Warum Vertrautheit bei Demenz so wichtig ist
Beitrag 1
🌿 Wenn vertraute Dinge Türen öffnen
Manche Tage fühlen sich an, als würden Sie nicht mehr durchdringen. Was früher funktioniert hat, erreicht Ihren Angehörigen nicht mehr. Das liegt nicht an Ihnen – Menschen mit Demenz brauchen andere Impulse: vertraute Dinge, Erinnerungen, kleine Anker aus früheren Zeiten.
Selbst alltägliche Abläufe können plötzlich verwirrend wirken. Doch bekannte Geräusche, Gerüche, Gegenstände oder kleine Rituale öffnen Türen zu Erinnerungen, die sonst verschlossen bleiben. Sie schenken Halt, Orientierung und emotionale Sicherheit – drei Dinge, die im Alltag oft fehlen.
🌿 Warum Vertrautheit so viel ausmacht
Wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, bleiben alte Erinnerungen oft erstaunlich klar. Kleine, bekannte Elemente aus dem Alltag können:
Sicherheit schenken: Menschen wissen, was als Nächstes passiert.
Emotionale Verbindung stärken: Bekannte Lieder, Gerüche oder Gegenstände schaffen Nähe.
Orientierung bieten: Rituale und wiederkehrende Abläufe helfen, den Tag zu strukturieren.
Einige vertraute Elemente, die viele Menschen aus Deutschland kennen, sind:
Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee am Morgen
Schlager und Radiosendungen aus der eigenen Jugend
Holzspielzeug, Emaille-Schüsseln oder alte Postkarten
Redewendungen und Sprichwörter, die früher überall zu hören waren
Solche Dinge wirken wie kleine Lichtungen im Alltag. Sie geben Halt, Ruhe und Orientierung. Sie schaffen Momente, in denen alles ein bisschen leichter wird, und ermöglichen ein Gefühl von Sicherheit – selbst wenn alles andere unübersichtlich erscheint.
🌿 Ideen für vertraute, wohltuende Momente
Es geht nicht um Therapie oder Leistung, sondern um sanfte Impulse, die Nähe und Freude schaffen.
🧺 Sortieren von Alltagsgegenständen
Knöpfe, Wäscheklammern, Bierdeckel oder Postkarten – einfache Dinge, die sich gut anfühlen und Hand und Geist beschäftigen. Eine Tätigkeit wie das Sortieren kann die Stimmung beruhigen, weil sie eine klare Struktur bietet. Oft genügen kleine Tätigkeiten: Farben in einem vertrauten Becher betrachten, alte Karten ordnen oder Holzklötze sortieren. Jede Bewegung gibt den Händen Halt und dem Geist Orientierung.
🎶 Musik aus der eigenen Jugend
Ein Lied kann mehr sagen als viele Worte. Manchmal genügt das Summen oder leise Mitsingen, um Erinnerungen zu wecken. Lieder aus der Vergangenheit erreichen oft schneller als Worte und können für Momente der Freude sorgen.
Laut einer Zusammenfassung der Cochrane Collaboration, veröffentlicht in der Apotheken Umschau, kann Musiktherapie depressive Verstimmungen bei Menschen mit Demenz kurzfristig lindern und das Sozialverhalten fördern.
☕ Gerüche, die Erinnerungen öffnen
Kaffee, Kernseife, Vanille, Holzpolitur. Gerüche sind oft die stärksten Anker an Vergangenes.
Aromatherapie kann in der Betreuung von Menschen mit Demenz gezielt eingesetzt werden, um Erinnerungen zu wecken und Ruhe zu schenken. Sie finden praxisbezogene Informationen in dieser Aromatherapie-PDF des Alzheimerforums.
Wichtiger Hinweis: Aromatherapie kann bei unsachgemäßer Anwendung Risiken bergen. Bitte holen Sie ärztlichen Rat ein, bevor Sie ätherische Öle bei sich oder Ihren Angehörigen anwenden.
📚 Sprichwörter und kurze Redewendungen
Bekannte Sätze laden zum Mitsprechen ein und schenken Orientierung. Sie wirken wie kleine Brücken zu Erinnerungen, die in der Vergangenheit emotional stark verankert sind.
🧵 Kleine handwerkliche Tätigkeiten
Falten, Sortieren, Zusammenstecken – einfache Abläufe, die ein Gefühl von Erfolg und Ruhe vermitteln. Sie geben den Händen eine Aufgabe und dem Geist Orientierung.
📦 Erinnerungskisten erstellen -- Vertrautes zum Anfassen
Eine Erinnerungskiste (Memory Box) ist eine persönliche Sammlung von Gegenständen, die wichtige Momente und Gefühle aus dem Leben wecken.
Was hineinkommt:
Sinnlich Erfahrbares:
Alte Fotos aus verschiedenen Lebensabschnitten
Stoffstücke (Lieblingskleider, Tischdecke der Mutter)
Duftproben (Parfümflasche, Lavendelsäckchen, Kaffeebohnen)
Postkarten oder Briefe
Kleine Souvenirs (Muschel vom Urlaub, Schlüssel vom ersten Auto)
Biografisch Bedeutsames:
Ausweise, alte Mitgliedsausweise
Orden, Abzeichen, Medaillen
Werkzeuge aus dem Beruf (Zimmermann → Hobel, Lehrerin → Kreide)
Religiöse Gegenstände (Rosenkranz, Gebetsbuch)
Vereinsabzeichen, alte Tanzschuhe
Wie Sie die Kiste nutzen:
Gemeinsam erkunden:
Kiste öffnen, wenn Unruhe entsteht
Gegenstände einzeln herausnehmen
Nicht "abfragen" ("Weißt du noch?"), sondern gemeinsam betrachten
Geschichten entstehen lassen, auch wenn sie sich wiederholen
Bei Übergängen:
Vor schwierigen Situationen (Arztbesuch, Baden)
Bei Umzug ins Pflegeheim (vertraute Anker mitnehmen)
An schweren Tagen (emotionale Stabilität)
Praktische Tipps:
Stabile Box (kein Karton, der zerreißt)
Nicht zu voll (5-10 Gegenstände reichen)
Alles sicher (nichts Scharfes, Zerbrechliches)
Fotos laminieren (Schutz vor Abnutzung)
Real-Life Beispiel:
Herr K., 79, wird unruhig beim Waschen. Seine Tochter holt die Erinnerungskiste mit seinem alten Schreinerwinkel. Er hält ihn in der Hand, streicht darüber, wird ruhiger. Das Waschen kann beginnen – mit dem Winkel neben ihm auf dem Hocker.
🎄 Jahreszeitliche Rituale -- Vertrautes im Jahreskreis
Traditionen und jahreszeitliche Rituale sind tief im Gedächtnis verankert – oft bleiben sie erhalten, wenn anderes schon verblasst ist.
Frühling & Ostern 🐰
Vertraute Rituale:
Ostereier bemalen oder färben (auch mit Fingerfarben)
Kleines Osternest verstecken (nicht zu schwer zu finden!)
Frühlingsblumen pflücken oder ansehen
Osterlieder singen ("Stups der kleine Osterhase")
Sensorisch:
Duft von frischem Gras
Weiche Osterküken (Plüsch)
Geschmack von Osterlamm oder Hefezopf
Anpassungen bei Demenz:
Vereinfachen: 2-3 Eier statt 20
Keine komplexen Muster, nur einfarbig tauchen
Ritual wichtiger als Ergebnis
Sommer ☀️
Vertraute Aktivitäten:
Im Garten sitzen (Sonnenhut nicht vergessen!)
Erdbeeren pflücken oder essen
Barfuß Gras spüren
Vögel beobachten, füttern
Eiscreme essen (vertraute Sorten)
Johannisfest (24. Juni):
Feuer ansehen (sicher, in Feuerschale)
Blumenkränze (auch einfache)
Draußen essen
Herbst & Erntedank 🍂
Vertraute Rituale:
Bunte Blätter sammeln
Kastanien sammeln (haptisch angenehm)
Herbstdeko basteln (Blätter auf Papier kleben)
Kürbissuppe kochen (Duft!)
Erntedankkorb bestaunen (Äpfel, Nüsse, Kürbis)
St. Martin (11. November):
Laterne basteln (einfache)
Martinslieder singen
Gans essen (vertrautes Essen)
Winter & Weihnachten 🎄
Advent:
Adventskranz (echte Kerzen unter Aufsicht oder LED)
Jeden Sonntag eine Kerze mehr
Plätzchen backen (einfache Formen)
Adventskalender (mit Schokolade, Bildern)
Weihnachten:
Weihnachtsbaum schmücken (große, stabile Kugeln)
Weihnachtslieder hören/singen ("O Tannenbaum", "Stille Nacht")
Krippe aufstellen (Figuren anfassen lassen)
Traditionelles Essen (Kartoffelsalat, Würstchen, Gans)
Geschenke auspacken (auch Kleinigkeiten)
Silvester/Neujahr:
Kein Feuerwerk (zu laut, stressig!)
Ruhig zuhause bleiben
Früheres "Anstoßen" (17-18 Uhr statt Mitternacht)
Bekannte Traditionen (Bleigießen anschauen, Glücksschwein)
🎵 Lieder für jede Jahreszeit
Frühling:
"Alle Vögel sind schon da"
"Komm lieber Mai und mache"
Sommer:
"Geh aus mein Herz und suche Freud"
"Im Frühtau zu Berge"
Herbst:
"Bunt sind schon die Wälder"
"Hejo, spann den Wagen an"
Winter:
"Leise rieselt der Schnee"
"Schneeflöckchen, Weißröckchen"
Warum das hilft: Jahreszeitliche Rituale geben Orientierung im Jahr, schaffen positive Erwartung und verbinden mit lebenslangen Erinnerungen. Selbst bei fortgeschrittener Demenz erkennen viele Menschen Weihnachtslieder oder den Duft von Tannengrün.
🌿 Naturverbundene Momente
Das Betrachten von Pflanzen, das Berühren von Blättern, das Hören von Vogelstimmen – selbst kleine Momente draußen oder am Fenster schenken Verbindung und Ruhe. Das Beobachten von Pflanzen oder das Hören von Vogelstimmen kann die Stimmung heben.
🌿 Sanfte Strukturen und Rituale
Vertraute Rituale geben Sicherheit. Sie müssen nicht kompliziert sein – oft genügt ein wiederkehrendes Element im Alltag:
Ein morgendlicher Ablauf beim Frühstück
Gemeinsame, kurze Spaziergänge
Kurze Atem- oder Bewegungsübungen
Solche Strukturen wirken wie kleine Lichtungen im Wald: orientierend, beruhigend, stabilisierend. Wiederkehrende Abläufe müssen nicht aufwendig sein, um Wirkung zu zeigen. Wie Sie Übergänge zwischen Aktivitäten sanft gestalten, erfahren Sie in Beitrag 8: Veränderungen bei Demenz sanft gestalten.
🌿 Real-Life Beispiele für vertraute Momente
Frau M., 82, liebt das Sortieren von bunten Deckeln: Jeden Nachmittag sortiert sie farbige Deckel nach Farben. Sie summt dabei leise ein Schlagerlied ihrer Jugend. Das gibt ihr Ruhe und ein Gefühl von Selbstbestimmung.
Herr K., 78, genießt Kaffee-Zeiten: Der Duft frisch gebrühten Kaffees am Morgen wird kombiniert mit einem kurzen Spaziergang im Garten. Ein vertrautes Ritual, das ihm Sicherheit gibt und die Stimmung hebt.
Frau S., 85, bastelt gern: Holzklötze sortieren und stapeln schafft Erfolgserlebnisse, ohne Druck, und beruhigt die Hände und den Geist.
Diese Beispiele zeigen, wie kleine, vertraute Tätigkeiten im Alltag Großes bewirken können.
🌿 Herausforderungen für Angehörige
Die Betreuung von Menschen mit Demenz kann ermüdend sein. Gefühle von Schuld, Erschöpfung und Trauer sind normal. Sie spiegeln die Liebe und Fürsorge wider, die Sie geben.
Kleine Momente der Vertrautheit – ein Lied, ein vertrauter Duft, eine Routine – helfen nicht nur der betroffenen Person, sondern auch Ihnen, innere Ruhe zu finden. Mehr dazu, wie Sie als Angehöriger Entlastung finden, lesen Sie in Beitrag 7: Demenz verstehen – sanfte Orientierung für Angehörige
🌿 Wissenschaftlich gestützt – und praxisnah
Vertraute Reize reduzieren Unruhe: Laut Verywell Health – Agitation in Dementia können bekannte Geräusche, Routinen und Aktivitäten helfen, Unruhe zu mindern.
Musiktherapie und handwerkliche Aufgaben: Studien zeigen, dass gezielte Aktivitäten wie Basteln oder Musikhören die Stimmung verbessern und das Sozialverhalten fördern.
🌿 Ein bisschen mehr Leichtigkeit im Alltag
Manchmal reicht ein kurzer Moment der Vertrautheit, um den Tag zu verändern. Es geht nicht darum, „mehr" zu leisten, sondern kleine Augenblicke bewusst wahrzunehmen und zu gestalten.
Vertraute Momente geben Orientierung, schenken Nähe und verbinden. Sie sind ein Anker in der oft unvorhersehbaren Welt der Demenz.
🔗 Weiterführende Beiträge
👉 Weiter: Beitrag 2: Von der Unruhe zur Ruhe – Wenn Hände eine Aufgabe suchen
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