Schuldgefühle als Demenz-Angehörige

Schuldgefühle begleiten viele pflegende Angehörige. Warum sie entstehen, was sie über Ihre Liebe aussagen & 7 sanfte Strategien für schwere Momente.

ALLTAG & ANGEHÖRIGE

Kraftwald

2/28/20263 min lesen

Angehörige einer Person mit Demenz in ruhigem Moment der Selbstreflexion über Schuldgefühle und Selbstfürsorge
Angehörige einer Person mit Demenz in ruhigem Moment der Selbstreflexion über Schuldgefühle und Selbstfürsorge

Schuldgefühle im Demenz-Alltag: Wenn das schlechte Gewissen laut wird – und was es wirklich sagt 🌿

Beitrag 27

Warum Schuld so häufig wird – und was sie wirklich über Liebe sagt

Ein stiller Moment ✨

Es ist selten ein lauter Gedanke.
Eher ein leiser Satz, der sich einschleicht:

"Ich hätte mehr tun sollen."

Abends, wenn das Licht im Zimmer des Angehörigen ausgeht, setzt sich die Stille ein – und mit ihr diese Worte. Vielleicht tauchen sie nach einem Streit auf oder in Momenten, in denen alles plötzlich ruhig ist. Der Duft des Abendtees hängt noch im Raum, aber die Wärme fehlt. Viele Angehörige tragen diesen Satz mit sich, manchmal über Jahre. 💛

Schuldgefühle gehören zu den stillsten Begleitern im Alltag mit Demenz. Sie zeigen sich nicht immer offen, beeinflussen aber Entscheidungen: wie lange man bleibt, wie viel man aushält oder wann man um Hilfe bittet – oder es eben nicht tut.

Warum Schuldgefühle so häufig sind 🌿

Schuld entsteht oft dort, wo Beziehung sich verändert, aber Verantwortung bleibt.

Demenz verändert den Alltag radikal. Alte Maßstäbe wie „Ich muss alles perfekt machen“ passen nicht mehr. Typische Auslöser sind:

  • Das Gefühl, nie genug zu tun – Zeit, Energie, Emotionen scheinen immer zu knapp.

  • Rückblicke auf frühere Momente – „Hätte ich früher etwas bemerkt?“

  • Konflikte mit Geschwistern oder anderen – „Warum trage ich das meiste?“

  • Erleichterungsmomente, die Scham auslösen – Freude über eine Pause oder einen Moment für sich selbst.

Viele Schuldgefühle sind subjektiv: Sie entstehen nicht aus echten Fehlern, sondern aus dem Gefühl, nie genug zu leisten – auch wenn man alles gibt. Objektive Schuld (wenn wirklich etwas schiefgelaufen ist) ist seltener und kann man lernen, damit umzugehen. Beides ist menschlich, und beides darf man ernst nehmen, ohne sich damit zu definieren. 💛

Diese Gefühle sind kein Zeichen von Mangel, sondern Ausdruck tiefer Liebe und Verantwortung.

Schuld ist nicht die Wahrheit über Sie ✨

Schuld misst selten die Realität, sondern Erwartungen, die wir an uns selbst haben.

Sie sagt nichts darüber aus, wie gut wir begleiten, sondern viel darüber, wie sehr wir uns verbunden fühlen.

  • Schuld ist ein häufiger Begleiter von Erschöpfung (Burnout bei pflegenden Angehörigen).

  • Schuld sagt nicht, ob wir Würde wahren (Würde bei Demenz).

  • Schuld ist menschlich, verständlich – und oft unvermeidbar.

Was manchen Angehörigen ein wenig Luft verschafft 🌿

Nichts davon ist notwendig. Manche Angehörige finden darin Entlastung, andere nicht. Vielleicht passt heute nichts davon – auch das ist in Ordnung.

Einige Möglichkeiten, sich selbst sanft zu entlasten:

  1. Atem-Pause 🌬️
    Wenn der Gedanke aufsteigt, 3 tiefe Atemzüge: Einatmen: Das ist jetzt so. Ausatmen: Ich tue, was ich kann.

  2. „Gut genug“-Satz 💛
    Ersetzen Sie „Ich sollte…“ durch „Heute war ich gut genug – und das reicht.“

  3. Tagebuch der kleinen Siege 📖
    Notieren Sie 1–2 Momente am Tag, die gut gelaufen sind – ein Lächeln, ein Händedruck, ein gemeinsamer Blick.

  4. Selbst-Verzeihung ✨
    Sich leise sagen: „Ich vergebe mir, dass ich nicht perfekt bin – genau wie ich dem Menschen, den ich begleite, vergebe.“

  5. Austausch 🤝
    Mit einer vertrauten Person oder in einer Gruppe teilen: „Ich bin nicht allein damit – und das nimmt schon Gewicht.“

  6. Wenn nichts passt 🌸
    Einfach anerkennen: „Heute ist das Gefühl da – und ich darf es spüren, ohne es wegzudrücken.“

  7. Naturanker 🌳
    Ein kurzer Spaziergang, ein Blick aus dem Fenster, das Gefühl von Sonne oder Wind – die Welt dreht sich weiter, auch wenn wir stolpern.

Beispiele aus dem Alltag 💛

Maja, 54, Saarbrücken:
"Ich fühle mich schuldig, wenn ich abends Netflix schaue, während Mama schon schläft. Als würde ich sie vergessen."

Thomas, 62:
"Mein Bruder sagt, ich tue zu wenig. Aber ich bin jeden Tag da. Trotzdem nagt es an mir."

Diese Stimmen könnten von Ihnen sein – und von Tausenden anderen.
Statt zu sagen: „Ich hätte geduldiger sein sollen.“
Sagen Sie: „Ich war heute so geduldig, wie ich in diesem Moment sein konnte.“

Für pflegende Angehörige in Saarbrücken und Umgebung 🌿

Schuldgefühle sind universell, aber Sie müssen sie nicht allein tragen. Unterstützung, Austausch und Beratung finden Sie hier: KISS Selbsthilfe (Futterstr. 27, Tel. 0681 9602130) – www.selbsthilfe-saar.de


Abschluss & Ausblick ✨

Schuldgefühle kommen und gehen. Ihre Liebe, Ihre Fürsorge und Ihr Dasein bleiben.

Sie dürfen müde, ungeduldig oder traurig sein – und trotzdem eine gute Angehörige sein.

Für diesen Moment darf das genug sein.

Interne Links 🌿

Häufige Fragen zu Schuldgefühlen bei Demenz 💛

Warum fühle ich mich schuldig, obwohl ich alles tue?
Schuldgefühle entstehen nicht aus Mangel, sondern aus tiefer Liebe und Verantwortung.

Ist es normal, sich über Pausen zu freuen?
Ja, absolut. Erleichterung über einen Moment für sich selbst ist gesund.

Wie unterscheide ich echte Fehler von unfairer Selbstkritik?
Objektive Schuld ist selten. Meist sind Schuldgefühle überhöhte Erwartungen an sich selbst.

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